Samstag, November 24, 2012

*Buchrezension* Das Ende von Alice (A.M. Homes)






Titel: Das Ende von Alice
Originaltitel: The End of Alice
Autorin: A.M. Homes
Reihe: Einzelband!
Erschienen: April 2012
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 304
Preis: 19,99€ (Hardcover)








Kurzbeschreibung:
Ein zu lebenslanger Haft verurteilter pädophiler Kindermörder führt einen Briefwechsel mit einer Neunzehnjährigen, die ihren zwölfjährigen Nachbarsjungen verführen will. Er ermuntert sie, weist sie zurecht, erteilt ihr Ratschläge. Gleichzeitig erinnert er sich an seine Straftat und an das, was ihr vorausging: den Sommer mit Alice.

Meine Meinung:
"Wer ist sie, dass sie von dieser Lust belastet ist, dieser eigenartig erworbenen Neigung zum frischesten Fleisch, dass sie eine Geschichte zu erzählen hat, bei der einige von euch grinsen werden, andere jedoch grimmig wüten, dass dieser Albtraum, dieser Horror aufhören muss."
(Erster Satz aus "Das Ende von Alice")

Schon lange nicht mehr hat mich eine Lektüre gleichzeitig so erschüttert und gepackt wie diese hier.

"Das Ende von Alice" wird aus der Sicht des pädophilen Kindermörders Chappy erzählt, der bereits 23 Jahre hinter Gittern sitzt und dennoch hofft, wegen guter Führung entlassen zu werden. Während der Zeit im Gefängnis erhält er einige Briefe von Neugierigen oder Bewunderern, darunter eine 19-jährige Studentin die ihm in einer Art Tagebuchberichten von ihrer ebenfalls pädophilen Neigung erzählt und sich Ratschläge von Chappy einholt, um einen 12-jährigen Nachbarsjungen zu verführen.
Chappy ist dadurch wieder voll in seinem Element und erinnert sich an seine Zeit in Freiheit zurück, insbesondere an seine Kindheit und an die spätere Zeit mit Alice Somerfield.

Doch nicht nur der Briefwechsel oder die Zeit mit Alice sind Handlungsstränge dieses Buches, auch das Leben im Gefängnis, die Studentin und ihr Nachbarsjunge sowie Chappys Zeit aus der Kindheit gehören dazu und stiften zumindest zu Beginn Verwirrung, da die Sprünge zwischen diesen Handlungssträngen teilweise so plötzlich verlaufen, dass man wirklich aufpassen muss.
Nur die Briefe des Mädchens sind durch kursive Schrift gekennzeichnet und wurden in einem für ihr Alter angemessenem Sprachgebrauch wiedergegeben.
Chappy jedoch drückt sich äußerst gewählt aus. Er spielt mit der Sprache, verwendet in seinen Beschreibungen Synonyme und Metaphern, was dem Leser zwar einerseits ein Meisterwerk an literarischer Ausdrucksweise bietet, gleichzeitig jedoch eine gewisse Verständnisschwierigkeit darstellt. 
Ist man dann aber erstmal richtig in die Geschichte eingetaucht, lässt es einen bis zum Schluss nicht mehr los.
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass mich die Abgründigen der Gesellschaft schon immer interessiert haben und ja ich finde die Sichtweise eines Pädophilen sehr interessant auch wenn ich sie keinesfalls nachvollziehen kann und auch keinerlei Verständnis für solche Missetaten hervorbringen kann.
Trotzdem habe ich doch ein kleines Fünkchen Sympathie für Chappy empfunden, da A.M. Homes durch die Erzählungen aus seiner Kindheit deutlich gemacht hat, dass er nicht die alleinige Schuld daran hat, was aus ihm geworden ist. 

Ich denke an dieser Stelle übt A.M. Holmes auch Kritik an der Gesellschaft und der Politik aus, denn Kinder die keine oder eine schlechte Kindheit erleben oder sich einfach nicht in ihrer Persönlichkeit entfalten dürfen, werden nunmal meist nicht zu Rebellen sondern beispielsweise zu einem Chappy, der es für das Normalste der Welt hält Kinder sexuell zu begehren.

Auch wenn das Buch einige widerwärtige Beschreibungen und Details enthält, die einfach nur pervers sind, wollte man als Leser doch wissen, was Chappy mit Alice angestellt hat, bzw. wie es zum Ende von Alice kam. Man will es sich selbst fast nicht eingestehen, dass es einen doch in den Fingern juckt, so schnell wie möglich die Wahrheit bzw. das Ende zu erfahren.
Mir erschienen die Reaktionen und Handlungen der hier aufgeführten 12-jährigen (Alice und der Nachbarsjunge) teilweise nicht nachvollziehbar, ich vermute aber, dass es sich dabei eben um Wunschfantasien von Seiten des Mädchens bzw. Chappy handelte, die Autorin lässt dies aber durch ihre Ausdrucksweise so stehen, dass sich der Leser damit selbst auseinander setzten muss.

Ich kann gut nachvollziehen, dass "Das Ende von Alice" zu Beginn einen weltweiten Skandal auslöste, doch ich finde A.M. Homes zeigt hier nicht nur ihre Begabung als Schriftstellerin, sondern erzählt eine Geschichte von einem Menschen, den man nicht verstehen kann und trotzdem interessant findet.
Was ich etwas schade fand, war, dass man leider kaum etwas über die Recherchen von A.M. Homes erfährt, denn das hätte mich schon sehr interessiert, da ich mir nicht vorstellen kann, dass all dies und vorallem auch das Gefängnisleben einzig und allein ihrer Fantasie entsprungen ist.

Grausam und widerwärtig aber trotzdem interessant und spannend und ganz besonders eine ernst zu nehmende Lektüre mit einem herausragenen Schreibstil, der allein das Buch schon lesenswert macht!

Bewertung: 08/10

Kommentare:

  1. Habe das Buch vor wenigen Tagen ausgelesen. Ich interessiere mich für derartige Literatur, da sie meiner Meinung nach sehr schwierig zu fassen ist. Für mich beweist A.M. Homes mit diesem Buch großes Schreibtalent und viel Mut. Dem Leser stellen sich auch später noch eine menge Fragen, auf die sie keine Antwort im Buch finden werden. Viele Situationen bleiben offen, jede Geschichte (außer der von Alice) sind nach wie vor mit offenen Ausgang. Ich schätze jeder von uns wird seine eigene Vorstellung von den unterschiedlichen Charaktären entwickelt haben.
    Zu deine Formulierung gegenüber Alice: Ich persönlich habe es etwas anders gesehen, meiner Meinung nach sind die beschriebenen Szenen und Dialoge exakt so passiert, wie Chappy es beschreibt. Ich schätze Alice auch psychisch sehr unsicher ein, wobei sie sich als selbstbewusst und frühreif präsentiert. Ein Mädchen, das es nicht verstand erwachsen zu werden.

    Woran orientierte sich Homes? Was war ihre Inspriration? Gibt es eine Vorgeschichte zu den Charaktären, die auf reale Ereignisse passiert? Ich würde so gern mehr wissen. Ich denke jedoch, der Reiz dieses Buches basiert gerade auf all diesen offenen Fragen. Jede weitere Information für den Leser, würde die Intention Homes' hinter diesem Werk schmälern.

    Liebe Grüße

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    1. Toll, dass ich jemanden gefunden habe, der das Buch auch mochte und verstanden hat! Meine Mutter zum Beispiel fand es schrecklich...
      Und ja ich denke du hast recht damit, dass weitere Informationen für den Leser Homes`Intentionen des Werks schmälern würden, eigentlich mag ich es sowieso ganz gerne, wenn man als Leser ein wenig gefordert wird und sich eine eigene Meinung oder Einstellung bilden kann/soll.

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